Analfistel und Analabszess
Krankheitsverlauf
Häufig manifestiert sich das Fistelgeschehen durch das Auftreten eines Abszesses. Das Beschwerdebild hängt hier stark von der Lokalisation des Entzündungsprozesses ab. Oberflächliche Abszesse der Perianalregion und dem unteren Analkanal können zunächst durch starken Schmerz und eine zunehmende Schwellung auf sich aufmerksam machen. Gelegentlich kommt es dann zu einem spontanen Aufplatzen des Abszesses mit Abfluss von Eiter. Die höher im Analkanal, oberhalb der Beckenbodenmuskulatur und tief im Fettgewebe des Ischiorektalraums gelegenen Abszesse können lange unentdeckt bleiben und so erhebliche diagnostische und therapeutische Schwierigkeiten bereiten. Oft lösen sie allgemeine entzündliche Krankheitsreaktionen aus mit Fieber und generalisierten Entzündungszeichen.
Im Gegensatz zur Schmerzsymptomatik beispielsweise bei der Fissur zeigt das Abszessgeschehen selten einen über längere Zeiträume rezidivierenden Charakter. Die Allgemeinsymptome führen den Patienten eher frühzeitig in ärztliche Behandlung. Gelegentlich sind die limitierenden Vorgänge der Infektabwehr so effektvoll, dass ein subjektiv wenig belastendes, chronisches Stadium der Fistelbildung ohne vorherige Abszedierung entsteht, das für den Patienten keine weitere Therapie wünschenswert macht.
Für alle Fisteln gilt, dass die Höhe des muskeldurchbohrenden Ganges für die chirurgische Therapie entscheidend ist. Die unkomplizierte, typische intersphinktäre oder transsphinktäre Fistel hat ihren muskeldurchbohrenden Gang üblicherweise in der Ebene der Linea dentata, dem Übergang vom Anoderm des Analkanals zur Schleimaut des Mastdarms oder distal dieser Lokalisation. Die suprasphinktäre
Fistel entsteht durch die Abszessausbreitung nach kranial, und sie umgreift dann die Puborektalisschlinge. Präoperativ sollte Klarheit bestehen über die Höhenlokalisation des muskeldurchbohrenden Ganges, da das Ausmaß der Muskeldurchtrennung entscheidend ist für das Auftreten von postoperativen Kontinenzstörungen. Die Durchtrennung der gesamten analen Muskulatur einschließlich der Puborektalisschlinge ist regelhaft mit einer kompletten Inkontinenz verbunden. Insgesamt zeigen etwa 95 Prozent der Fisteln einen intersphinktären oder transsphinktärischen Verlauf, mit einer Höhe des muskeldurchbohrenden Ganges nicht oberhalb der Dentatalinie, so dass sie ohne Kontinenzgefährdung gespalten werden können. Die suprasphinktärischen Fisteln haben nicht selten ihre Ursache in einer fehlerhaften Freilegung des vorangehenden Abszesses mit einer entsprechenden Manipulation im Abszessraum.
Dr. med. Matthias Kemmerling, Facharzt für Chirurgie, Visceralchirurgie und Proktologie, früher Oberarzt der Chirurgischen Klinik II, Koloproktologie, Raphaelsklinik Münster
Dr. med. Franz Raulf, Chefarzt Chirurgie, Koloproktologie, Raphaelsklinik Münster.
Erschienen in der “kontinenz aktuell” 2/2006, Juli Nr.39, Offizielles Organ der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V., www.kontinenz-gesellschaft.de.

